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CC0 / Pixabay niekverlaan (bearbeitet)

Das Phänomen der Radikalisierung

Viele von euch haben wahrscheinlich mitbekommen, dass die Radikalisierung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Zusammenhang mit IS (Islamischer Staat) in letzter Zeit ständiges Thema in den Medien ist. Wir haben dazu ein Interview mit einem Experten geführt.
 

Dass sich Menschen radikalen, also extremen Gruppierungen, anschließen, ist kein unbekanntes Phänomen. Doch was können Gründe dafür sein? Wie läuft die Rekrutierung im Zusammenhang mit IS ab? Wie wird versucht, Menschen für die radikale Auslegung des Islams zu gewinnen? Und vor allem: Wie kann man reagieren, wenn man denkt oder bemerkt, dass jemand in seinem Bekannten- oder Verwandtenkreis zunehmend radikalisiert wird?

Wir haben versucht, Antworten auf diese wichtigen Fragen zu finden und dafür ein Interview mit dem Koordinator vom Wiener Netzwerk Deradikalisierung und Prävention geführt. Herr Mag. Ercan Nik Nafs hat sich viel Zeit für unsere Fragen genommen. Er ist gebürtiger Türke, war früher in der Jugendarbeit tätig und ist seit Juli 2014 Kinder- und Jugendanwalt der Stadt Wien.

 

Wiener Netzwerk Deradikalisierung und Prävention

In diesem Netzwerk arbeiten verschiedene Institutionen (Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Jugendarbeit, Jugendamt u. ä.) zusammen, die mit Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen vor Ort zu tun haben. Dabei sind z. B. die gesamten Lehrer/innen in Schulen, Schulsozialarbeiter/innen, Schulpsycholog/inn/en, alle Jugendämter, Krisenzentren und WGs, aber auch Einrichtungen, die mit Jugendlichen außerhalb der Schule Kontakt haben (beispielsweise Betreuer/innen in Freizeitzentren) sowie Stellen des Arbeitsmarktbereiches.

 

Jede Person dieses Netzwerkes ist möglicher Ansprechpartner, wenn du Fragen zum Thema Radikalisierung hast oder Unterstützung brauchst.
 

Warum schließen sich Menschen extremen Gruppen an?

Die Gründe dafür können vielfältig sein. Manipulation und Verführung sind wichtige Punkte - es werden z. B. Reichtum, Macht oder Anerkennung versprochen. Man bekommt das Gefühl vermittelt, dass man "auserwählt" ist, etwas Besonderes zu tun, wie etwa die Welt zu verändern.

Isolation kann dazu führen, dass man Personen sucht, bei denen man sich zugehörig fühlt. Extreme Gruppen arbeiten damit, einen Keil zwischen die "neue" Person und die Gesellschaft zu schieben, somit wird das Gefühl der Verbundenheit zu der extremen Gruppe größer.

Häufig erfolgt ein Anschluss auch durch das Erzeugen von Druck und Angst. Sätze, die Druck machen in Zusammenhang mit IS können etwa sein "Deine Brüder und Schwestern kämpfen schon, möchtest du sie wirklich im Stich lassen?". Angst auslösen können vor allem Drohungen, die man nicht logisch überprüfen kann (etwa was nach dem Tod passiert).
Es wird oftmals versucht, das eigene Denken bewusst und gezielt zu beeinflussen. Man bekommt so lange etwas eingeredet, bis man es schlussendlich sogar selbst glaubt, oder es zumindest für möglich hält.

Meistens geht es um extreme Haltungen und Meinungen (gut oder böse, gläubig oder ungläubig etc.), ohne jegliche Abstufungen dazwischen. Es geht also darum, dass die Welt in zwei extreme Kategorien eingeteilt wird, etwa in Schwarz und Weiß, und nicht darum, dass sie aus Vielem, nämlich auch aus Farben und Grauschattierungen, besteht.

 

Infos zur Rekrutierung bezogen auf IS

Der Großteil der Rekrutierungen findet persönlich statt. Z. B. wird man vor Schulen, auf öffentlichen Plätzen, in Freizeitzentren oder in öffentlichen Verkehrsmitteln bzw. von Leuten aus dem eigenen Freundes- oder Bekanntenkreis angesprochen. Es kann natürlich aber auch sein, dass versucht wird, übers Internet (z. B. soziale Netzwerke wie etwa Facebook) Kontakt aufzunehmen.

Die Personen, die Jugendliche ansprechen, sind zum Teil auch Jugendliche bzw. junge Erwachsene, die bereits rekrutiert und radikalisiert wurden. Das ähnliche Alter schafft mitunter Verbundenheit und Vertrauen zu den Rekrutierern. Meist geht es um Inhalte, die die Demokratie und unsere Werthaltung kritisieren. Die Inhalte können Ärger auf das politische System auslösen, eine mächtige Position in der Gemeinschaft versprechen (mit der man etwas verändern kann), aber vor allem arbeiten die Rekrutierer mit dem Gefühl der Angst.

 

Gefühle, auch die des Zweifelns, haben in jeder Situation ihre Berechtigung!

Wichtig ist immer das kritische Hinterfragen von Dingen, die man erzählt bekommt. Man kann sich dazu einen Zettel hernehmen und Unklarheiten aufschreiben, die man im Anschluss selbst recherchiert. Achte darauf, verschiedene Quellen zu nützen. Sammle so viele Informationen wie möglich, am besten von Experten. Das kann dir Klarheit bringen. Bei religiösen Themen kann man z. B. bei den jeweiligen Glaubensgemeinschaften nachfragen.

 
 
 
 

Druck und Angst können verhindern, alle Möglichkeiten zu bedenken!

Negative Gefühle bedeuten für den Körper Stress. Dieser Stress lässt meist nicht zu, das Entscheidungen wohl überlegt getroffen werden. Angst kann Menschen dazu bringen, Dinge zu tun, die man ohne Angst nicht tun würde. Wichtig ist daher, sich für Entscheidungen Zeit zu nehmen und diese nicht unter Druck oder Angst zu treffen.


    Foto © stuant63 (bearbeitet) via Compfight cc
Man sieht den Schatten eines Holzmännchens, das vor einer Hand davonläuft.

Jemand, den ich kenne, verändert sich!

Es löst meist ein ungutes Gefühl, vielleicht sogar Angst aus, wenn man bemerkt, dass sich jemand in seinem Umfeld zunehmend radikalisiert verhält. Etwa wenn beispielsweise Freunde oder Verwandte die Demokratie plötzlich und in einer extremen Art und Weise in Frage stellen, menschenverachtende Äußerungen tätigen bzw. zu Gewalt gegen Ungläubige aufrufen. Diese Angst, die man dann spürt, ist eine ganz wichtige Information des eigenen Körpers und bedeutet, dass man spürt, dass irgendetwas "seltsam" ist. In solchen Fällen ist es wichtig, mit diesem Gefühl nicht alleine zu bleiben und sich jemand Erwachsenem anzuvertrauen, bei dem man sich gut aufgehoben fühlt.

 


Machst du dir Gedanken, dass jemand, den du kennst, zunehmend radikalisiert wird, ist es wichtig, dass du dir Unterstützung holst. Sprich mit erwachsenen Personen darüber, die sich im Umfeld der betroffenen Person befinden. Im nächsten Absatz haben wir Stellen gesammelt, bei denen du dir Unterstützung holen kannst.

 

Wo kann man sich hinwenden

  • Wichtig ist, sich an jemand Erwachsenen zu wenden, dem man vertraut.
     

  • Wie oben beschrieben, sind sehr viele Personen im Wiener Netzwerk Deradikalisierung. Alle Personen darin, etwa die gesamten Lehrer, Betreuer in Freizeitzentren, Mitarbeiter des Jugendamts etc., sind mögliche Ansprechpartner. Du hast auch das Recht, anonym mit ihnen zu sprechen. Dafür kannst du bei der betreffenden Stelle (z. B. Schule) anrufen und nichts zu deiner Person sagen. Viele Schulen bieten auch die Möglichkeit, etwas anonym zu melden (z. B. in einem Briefkasten in der Schule).
     

  • Aber auch, wenn du nicht in Wien lebst, kannst du dich in deinem Bundesland an Lehrer, das Jugendamt oder die Jugendarbeit wenden!
     

  • Die Beratungsstelle Extremismus steht bereit, wenn du Fragen zum Thema Extremismus hast oder dir Sorgen machst, dass sich ein Freund/eine Freundin einer extremistischen Gruppierung angeschlossen hat. Die kostenfreie anonyme Helpline ist Mo-Fr zwischen 10 und 15 Uhr unter der Nummer 0800 202044 erreichbar. Die BeraterInnen sprechen Deutsch, Arabisch, Englisch, Persisch und Türkisch. Für andere Sprachen können DolmetscherInnen hinzugezogen werden. Du kannst auch eine E-Mail schreiben unter: office@beratungsstelleextremismus.at
     

  • Natürlich kannst du dich wie gewohnt bei Fragen oder Anliegen auch zum Thema Radikalisierung jederzeit und anonym an uns wenden.

 

 

 

Wie reagiere ich auf die zunehmend radikalisierte Person
 

Wichtig ist, die betroffene Person wegen ihrer Äußerungen nicht "auszustoßen" oder zu versuchen "dagegenzureden". Denn das führt meist dazu, dass sich die Person noch weiter entfernt. Wertfreies Nachfragen hingegen, also etwa wieso die Person von diesen Äußerungen überzeugt ist, zeigt Interesse an der betroffenen Person und kann diese zum Hinterfragen anregen. Weiterhin eine gute Vertrauensbasis mit der Person zu haben, hilft, dass Unterstützung möglich ist.

 

Was passiert, wenn man eine Lehrkraft informiert?


Wichtig ist natürlich auch zu wissen, wie es weitergeht, wenn man einem Lehrer sagt, dass ein/e Mitschüler/in sich zunehmend radikalisiert verhält. Es wird danach ein Gespräch mit der radikalisierten Person und der Schule geben. Dann wird geschaut, wie die betroffene Person am besten unterstützt werden kann.

Dazu kann je nach Bedarf die Schulpsychologie und/oder die Schulsozialarbeit, das Jugendamt oder die Kinder- und Jugendanwaltschaft informiert und miteinbezogen werden.
Wichtig ist immer, sich gemeinsam mit dem/der Jugendlichen anzuschauen, welche persönlichen Erlebnisse oder Belastungen möglicherweise zu der Veränderung beigetragen haben. Es wird versucht, herauszufinden, was er/sie braucht und wie man ihm/ihr am besten helfen kann. Ein weiteres Ziel ist, die ganze Familie bestmöglich zu stärken und unterstützen.

 


Wenn man mit menschenverachtenden Inhalten konfrontiert wird, lässt das auch einen selbst nicht kalt. Das kann z. B. Angst machen oder auch verstören bzw. betroffen machen. Schau auf dich! Wenn du mit jemandem reden magst, wende dich an vertraute Personen. Wenn du deine Gefühle lieber kreativ auslebst, kannst du etwas malen oder dir Belastendes "von der Seele schreiben".


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